Globalisten und Parochialisten

Die Bezeichnung “Globalist” wird gerne abwertend von den Trump-Anhängern in meiner Twitter-Timeline gebraucht, was mich zu der spöttischen Aussage veranlasste, dass die Rechten endlich ein genau so dummes Schlagwort haben wie die Linken mit dem “Neoliberalismus”.

Dieser Artikel von Jonathan Haidt hat mir gezeigt, dass Globalismus doch für eine relativ konkrete Weltanschauung steht, die über das hinausgeht, was wir in den letzten 50 Jahren als Globalisierung kennengelernt haben. In seiner reinen Form postuliert der Globalismus, dass uns nur die Umstände daran hindern, gleichermaßen edle Menschen zu sein. Mit genügend Anstrengung und Erziehung können wir das Paradies auf Erden erschaffen, und es gäbe keine Unterschiede mehr zwischen uns. Der globalisierte Glaube an das Gute im Menschen sozusagen.

Die andere Seite verkörpern die Parochialisten, also die Kleinbürger und Nationalisten, die autoritär geprägt sind, Fremdes erst mal für gefährlich halten und generell glauben, dass der Mensch des Menschen Wolf ist. Der Glaube also, dass nur ein Glaube, eine verbindliche Moral in einer streng strukturierten Gesellschaft das Böse im Menschen in Schach halten kann.

Es ist also der ewige Streit um die Natur des Menschen, der auf einer neuen Ebene ausgefochten wird. Verwirrend ist dabei nur, dass der Glaube an die Gleichheit und Güte aller Menschen von jeher Grundlage des Kommunismus ist (“Jeder nach seinen Fähigkeiten, jedem nach seinen Bedürfnissen…”), während der Kapitalismus sich ja rühmt, das beste Wirtschaftssystem zu sein, wenn man “niedere Instinkte” wie Gier und Eigennutz als Antrieb akzeptiert. Hier ist es jetzt aber umgekehrt; die kapitalistischen Globalisierungsfreunde vertreten den Globalismus, die Sozialisten von links und rechts lehnen ihn ab.

Eigentlich sollte es keine Frage des Glaubens sein, wer recht hat. Die menschliche Natur lässt sich wissenschaftlich erforschen. Das Problem scheint aber zu sein, dass die Ergebnisse stark von der Forschungsmethode abhängen. Hie die Soziologen, dort die evolutionären Verhaltensforscher. Ich verrate nicht zu viel, wenn ich sage, dass letztere für mich plausiblere Erkenntnisse produzieren. Dazu demnächst mehr in diesem Theater. Aber jetzt warten wir erst mal ab, ob sich die Globalisten oder die Parochialisten bei der US-Präsidentenwahl durchsetzen, oder ob die Wahl vielleicht einfach durch die Unfähigkeit beider Kandidaten entschieden wird.

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2 Antworten zu Globalisten und Parochialisten

  1. Werwohlf schreibt:

    Wie gesagt: So einfach ist das alles doch nicht.

    Es fängt schon mal damit an, dass es keine eindeutige Definition von „Globalisierung“ gibt. Und dass die wenigsten „Globalisierungsgegner“ sich gegen alle Aspekte der Globalisierung aussprechen.

    Letztlich gelten die alten Frontlinien von Links und Rechts weiterhin, ergänzt um eine weitere Gruppe, die Eliten.

    Linke hassen Globalisierung, die von Unternehmen und Handel vorangetrieben wird. Das ist eben Kapitalismus, und das ist schlecht. Sie lieben hingegen den Zustrom fremder, armer Menschen in unsere Sozialsysteme, entweder nur, weil das einfach „gut“ ist, oder, etwas rationaler, weil es hoffentlich den ersehnten Kollaps dieses verhassten Systems ein Stück näher bringt.

    Rechte hassen Globalisierung, die ihnen einerseits Fremdes in die Nähe spült und andererseits zuviel von der Art Kultur, die sie als minderwertig empfinden. Der typische Rechte von heute will ja nicht weniger von allem Ausland, er will vor allem weniger Amerika und dafür mehr Russland.

    Und dann gibt es da noch die Elite, die einfach von dem profitiert, was zur Zeit abgeht. Sie nennt einige Erscheinungsformen davon gerne „Globalisierung“, um sie einerseits mit einem attraktiven Begriff zu besetzen und andererseits zu etwas praktisch Unvermeidbarem zu erheben, an das man sich allerhöchstens anpassen kann. Da die Elite im Moment sämtliche Schlüsselstellen bei uns besetzt, führt sie de facto einen Kampf gegen Links und Rechts, wobei ihr emotional das Linke deutlich näher liegt. Das führt zum Eindruck einer veränderten ideologischen Front, ist aber nur die Front Oben gegen Unten.

    Okay, dann gibt es noch Liberale. Also die paar, die nicht korrupt sind. Das sind verhinderte Linke, auch einem ewigen Fortschrittsglauben verhaftet, der sie daran hindert, Fehlentwicklungen zu erkennen. Sie sind, manchmal mehr, manchmal weniger unbedingt pro Einwanderung und haben auch nichts gegen Kapitalismus. Und sie spielen keine Rolle.

    • weltsichtig schreibt:

      Globalismus als Ideologie ist aber auch nicht einfach Globalisierung; der verlinkte Artikel von Haidt hat mir klar gemacht, dass damit auch ein dediziertes Menschenbild verbunden ist. Nämlich, dass alle Menschen gleich sind, und das Böse nur durch widrige Umstände entsteht.
      Und da sehe ich diese Brüche in der Frontlinie. Linke, die dieses globalistische Menschenbild vertreten, aber Globalisierung ablehnen, Rechte, die das Menschenbild und die Globalisierung ablehnen, Konservative, die ebenfalls das Menschenbild ablehnen, aber Globalisierung begrüßen, und schließlich die eigentlichen Globalisten, die beides richtig finden.
      Und diese vier Gruppen bilden jetzt unterschiedliche Fronten, je nachdem, ob es eher um das Menschenbild oder die Wirtschaft geht.

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