Sozialkreationismus

Wie man bei der Bundeszentrale für politische Bildung, einer von dreieinhalb Millionen Institutionen, die mir auf meine Kosten beibringen wollen, wie ich zu denken habe, nachlesen kann, ist Sozialdarwinismus „der Versuch, die Entwicklung von Gesellschaften als Kampf ums Dasein zu beschreiben“. Gewissermaßen also die 1:1-Übertragung der Verhältnisse in der wilden Natur auf menschliche Gesellschaften.
Ich habe ja hier schon darüber geschrieben, dass es beim biologischen „Darwinismus“, besser bei der Evolution durch Mutation und Selektion, nicht wirklich um Kampf und Stärke geht, nicht um „Fressen oder Gefressen werden“, wie es gerne martialisch beschrieben wird, sondern darum, mehr aus seinen Möglichkeiten zu machen als die Konkurrenz in der eigenen biologischen Nische, und die Chancen, die die Umwelt bietet, bestmöglich zu nutzen.
Dennoch, auf lange Sicht ist das schon eine Frage von Leben und Tod – ein paar Mutationen, die in die richtige Richtung gehen, ein schärferes Auge, ein effektiveres Verdauungsenzym machen dann den Unterschied zwischen Verhungern und einem glücklichem Leben mit vielen Nachkommen, die die günstigen Erbinformationen weitertragen. You win or you die, wie man heute sagt.

Das hört sich natürlich für den intellektuellen Mitteleuropäer des 21. Jahrhunderts ziemlich krass an, aber der Punkt ist: es funktioniert. Dass sich das Leben vom Einzeller zum Menschen weiterentwickeln konnte, lag an diesen klaren Entscheidungen. Da gab es keine Diskussionen, keine Propaganda, keine Lügen und keine faulen Deals – das einzige, was bei einer neuen Idee zählte, war, ob sie in der Realität funktioniert. Die Erdmännchen, die die Idee hatten, Wächter aufzustellen, überlebten, die anderen wurden von Leoparden gefressen. Und es gab keine Umverteilung. Die klugen Erdmännchen müssten keineswegs ein paar Mitglieder ihrer Sippe opfern, damit die Doofies vom anderen Stamm überlebten. Und deswegen wurden zuerst die Erdmännchen immer klüger, und dann kamen die Affen, die noch klüger waren, und schließlich kamen wir.

Und was machen wir jetzt? Wir erklären dieses ganze Konzept für inhuman. Niemand soll mehr verhungern, nur weil er doof ist. Das ist wirklich nobel. Wir gehen sogar noch weiter, und nennen die Doofen nicht mehr doof, sondern „benachteiligt“, so als ob die Doofen und Faulen nicht mehr selber an ihrem Schicksal schuld seien, sondern die Erfolgreichen daran schuld wären, wenn andere nichts auf die Reihe bekommen.

Und wir sorgen durch Umverteilung dafür, dass alle ein gutes Auskommen haben, egal ob sie fleißig und genial sind, oder dumm wie ein Stück Brot. Und so können wir auch nicht mehr wirklich sagen, welche Ideen in der Realität funktionieren und welche nicht. Wir haben zwar eine grobe Idee, dass das, was sie in Venezuela versuchen, nicht so clever war, aber ob die Dame, die im staatlichen TV ihre Ideen zum besten gibt, preisverdächtig ist oder realitätsblind, können wir nicht wirklich wissen, denn wir haben mit großflächiger Umverteilung und Subventionen dafür gesorgt, dass die Dame ein gutes Leben hat, unabhängig davon, ob ihre Ideen was taugen. Wir haben das Rasiermesser der Realität entschärft.

Ganz im Gegenteil hält der Sozialstaat diejenigen, die sich nicht selbst versorgen können, nicht nur am Leben, sondern motiviert sie auch noch mit üppigen Sonderzahlungen dazu, sich stärker fortzupflanzen, als dies die leistungsfähigeren Mitglieder der Gesellschaft tun. Damit wird also der darwinistische Ansatz des Überlebens der Tüchtigen geradezu ins Gegenteil verkehrt; die unfähigsten, apathischsten Mitglieder unserer Gesellschaft geben ihre beschränkten Fähigkeiten überproportional häufig an die nächste Generation weiter. Genau das hat Sarrazin in seinem Buch „Deutschland schafft sich ab“ beschrieben.

Allerdings erkennen große Teile unseren Eliten das dadurch entstehende Problem gar nicht; für sie kommt der Mensch als unbeschriebenes Blatt – als blank slate – zur Welt, und jeder kann zum Nobelpreisträger werden, wenn ihn der Staat nur früh genug in die Finger, sprich in die Kita bekommt. Und das Schöne ist ja, dass auch diese Idee sich nicht an der Realität messen lassen muss. Schließlich können die blank-slate-Gläubigen im Bildungssystem jeden zum Akademiker machen.

Dieser „Sozialkreationismus“ hat den Sozialdarwinismus der Frühzeit abgelöst. Was seit Anbeginn der Zeit die Höherentwicklung des Lebens sichergestellt hat, haben wir ins Gegenteil verkehrt, indem wir Eigenverantwortung abschaffen und dafür sorgen, dass Fehler keine Konsequenzen mehr haben. Die Leistungsfähigen sollen nicht von ihrem Erfolg profitieren, sondern nur noch als Melkkühe dienen. Zu einem vernünftigen Mittelweg sind wir offenbar nicht fähig.

Anders als beim Sozialdarwinismus werden bei uns also nicht die Starken überleben und die übrigen auf dem Weg geopfert, sondern wir Sozialkreationisten werden solidarisch gemeinsam in der Idiocracy versinken, bis die zuwandernden Barbarenvölker, von solcher Dekadenz unbeleckt, uns von unserem Elend erlösen. Ob das wirklich die bessere und humanere Lösung ist, darf bezweifelt werden.

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