Die Affäre Boateng

Ja, es wurde dazu schon alles gesagt, aber noch nicht von mir.

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Journalismus

Auch drei Tage nachdem das Thema aufkam, ist immer noch nicht so richtig klar, was eigentlich passiert ist:

  • War das ganze Gespräch vertraulich oder nur die Teile, in denen sich Gauland zur AfD-Führung äußerte?
  • Wenn letzteres, wie die FAS behauptet – warum wurden dann keine Tonaufzeichnungen gemacht, die man wie üblich als Interview veröffentlichen kann? Oder ist es normal, dass aus Hintergrundgesprächen ein einziges Zitat herausgenommen wird, um damit mehrere Aufmacher zu bestreiten? Ist es nicht normalerweise Usus, Zitate aus Hintergrundgesprächen bestenfalls zusammen mit anderem Material, anderen Zitaten, teilweise anonymisiert, in einem Hintergrundartikel zu verwursten?
  • Wieso hat Gauland weder auf einer Tonaufzeichnung noch auf einer Autorisierung bestanden? Entweder hat man ihn komplett über die Verwendung des Gesprächs in die Irre geführt oder er hat sich völlig leichtsinnig und unprofessionell verhalten. Er sollte doch inzwischen gelernt haben, dass die Presse zu ihm nicht mehr so freundlich ist wie zu seinen Zeiten als Chef von Wallmanns Staatskanzlei. Es war jedenfalls unsagbar dämlich, diesen Satz, diese offene Flanke in unserer Empörungskultur auf dem Silbertablett zu präsentieren.

Trotz allem, was mir mittlerweile so an Lücken- und Lügenpresse begegnet ist, war ich ursprünglich doch dazu geneigt, der Version der FAS-Redakteure zu glauben; das waren schließlich gestandene Redakteure, die die Geschichte verantworteten, das war keine Zulieferung eines Gesinnungstäters aus der Aktivistenecke. Auch als die Behauptung zurückgenommen wurde, es gäbe eine Tonaufnahme, ließ sich das noch als Missverständnis rechtfertigen.

Aber spätestens seitdem herausgekommen ist, dass der Name Boateng zuerst von den Redakteuren und nicht von Gauland ins Spiel gebracht wurde, und dies nicht gleich im ersten Aufmacher zugestanden wurde, beginne ich doch an den hehren Motiven der Redakteure zu zweifeln – die wollten ihn offensichtlich unbedingt in die Pfanne hauen.

Was dabei auch für Gauland spricht – er sagte zuerst, dass er sich nicht mehr daran erinnern könne, wer den Namen Boateng ins Spiel brachte. Üblicherweise ist eine fehlende Erinnerung eine Ausrede, wenn man sich nicht selbst belasten will. Hier hätte die korrekte Erinnerung ihn entlastet, was mich dann doch vermuten lässt, dass zumindest er selber meint, bei dem Thema nicht wirklich etwas verbergen zu müssen, und er das alles nicht so ernst nahm.

Fremdenfeindlichkeit

Auch wenn Boateng von Gauland nicht aus heiterem Himmel, sondern auf Zuspiel der Redakteure genannt wurde, auch wenn das keinesfalls eine persönliche Beleidigung von Boateng ist, so ist es doch einfach schlechter Stil, von “einem Boateng” stellvertretend für Farbige oder Fremde zu sprechen.

Wie wäre aber die Aussage zu werten, “Die Leute schätzen Boateng als Fußballspieler, aber sie wollen keine Farbigen, keine Fremden in der Nachbarschaft”? Wenn das Claudia Roth oder Volker Beck gesagt hätte, hätte jeder zustimmend genickt und den Alltagsrassismus in Deutschland beklagt. Macht es einen Unterschied, dass es Gauland hier gesagt hat? Ja, das tut es. Er hat es nämlich im Kontext seiner Kritik an “raum- und kulturfremden” Einwanderern gesagt; man muss also davon ausgehen, dass er sich zumindest zum Teil mit diesen Vorbehalten identifiziert.

Ist das jetzt Rassismus? Schwierige Frage. Es macht zumindest klar, dass Gauland zuviele Fremde, zuviel Fremdheit ablehnt. Aber: in unterschiedlichem Maße tut das (fast) jeder. Sogar die Bionade-Schickeria in Berlin schickt ihre Kinder lieber auf Schulen mit weniger Migranten, sogar die Elbchaussee-Highsociety in Hamburg protestiert gegen Flüchtlingsheime. Gauland ist da wohl etwas intoleranter als der durchschnittliche Grünen-Wähler. Aber ich glaube umgekehrt auch nicht, dass er es für angebracht hielte, den Klu-Klux-Klan zu reanimieren. Irgendwo dazwischen befindet sich also Gauland und irgendwo dazwischen beginnt auch der Rassismus. Schwer zu sagen, auf welcher Seite der roten Linie Gauland steht.

Allerdings, und da schließe ich mich ein, hat sich in letzter Zeit die rote Linie verschoben. Denn wenn man im Zusammenhang mit den Sexattacken in Köln liest, dass fast jeder zweite Nordafrikaner dort in der Tatverdächtigen-Statistik auftaucht, dann ist es schon verständlich, wenn man bestimmten Personengruppen neuerdings mit Misstrauen begegnet. Und wenn mir jetzt ein grüner Gutmensch und Besserverdiener was von “Man muss dennoch immer den Einzelfall sehen” erzählen will, dann hat er leicht reden: bei einem Marokkaner, der sich in München-Grünwald oder einem anderen Schickimicki-Viertel den Kauf oder die Miete einer Villa leisten kann, brauchen sich die Nachbarn halt weniger Sorgen zu machen als Leute im sozialen Wohnungsbau in Köln bei einer marokkanischen WG.

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