Siegt die Vernunft?

Siegt die Vernunft? Was für eine Frage, möchte man meinen. Der Triumphzug des Westens basiert auf der Aufklärung, auf wissenschaftlichem Denken, und was ist das anderes als ein Sieg der Vernunft?

Nun, nicht so schnell. Ich möchte behaupten, dass sich wissenschaftliches Denken nicht aus vernünftiger Einsicht, sondern schierer Notwendigkeit durchgesetzt hat. Die wissenschaftliche Methode hat zu bahnbrechenden Erkenntnissen geführt, die im Handwerk und damit auch in der Waffentechnik so große Überlegenheit zur Folge hatten, dass man sie einfach nicht ignorieren konnte, so gerne es Kirche und Feudalstaaten auch getan hätten. Und wer sich dennoch weigerte, und das waren viele, wurde unterjocht oder ging unter.


Die Vernunft wurde in der Welt nicht durch Einsicht verbreitet, sondern durch die britische Royal Navy. Ja, der Imperialismus, Feind jedes Studenten von Berkley bis Bayreuth, hat in vielen Weltregionen das dunkle Zeitalter beendet. Gegen die Mehrheit der Bevölkerung dort.

Und auch die Deutschen mussten 1945 erst mächtig eins in die Fresse kriegen, bevor sie die Segnungen von Freiheit und Demokratie begriffen. Diese Lektion kann man sich gründlicher kaum vorstellen, und sie wurde für den Osten 1989 sogar noch mal wiederholt, aber dennoch, so scheint mir, ist es bei einem oberflächlichen Verständnis geblieben.

Und oberflächlich ist auch die Ursache dafür, so oberflächlich nämlich wie die Großhirnrinde über dem Stammhirn liegt, so oberflächlich wie unsere Ratio unsere Instinkte verdeckt. Wir sind alles andere als vernünftige Wesen. Wir sind vernunftbegabt, aber die Vernunft ist uns nur Mittel zum Zweck, und der Zweck wird uns von unseren Gefühlen diktiert, von Liebe und Hass, von Furcht, von Angst, von Geilheit oder Hunger. Und diese Gefühle wiederum sind nicht immer vernünftig in dem Sinne, dass sie eine angemesse Reaktion auf die Realität darstellen.
Klarstellung: Unsere Gefühle stellen schon eine angemessene Reaktion auf eine Realität dar, nämlich auf die Realität vor 20.000 oder 100.000 Jahren, als wir in einer kleinen Familiensippe durch die Savanne zogen. Deswegen reagieren viele Menschen mit viszeraler Furcht auf Schlangen oder große Spinnen, während sie sich heutzutage doch eigentlich eher beim Anblick einer Zigarette in die Hose machen sollten (und zwar nicht nur bei der allerersten Zigarette im Leben).

Der größte Irrtum der Linken ist der Glaube, dass wir als blank slate, als leere Tafel, geboren werden, und der menschliche Geist formbar ist wie Knetmasse. Dass jeder durch Erziehung gut und klug und zur Einsicht gebracht werden kann. Und nicht nur das, sondern auch, dass es unserem überragenden Geist möglich ist, darauf aufbauend die perfekte Gesellschaft zu planen.
Ich dagegen halte es schon für eine wirklich enorme Leistung, dass es uns im Westen gelungen ist, unseren natürlichen Tribalismus zu überwinden, oder genauer gesagt, auf die nationalstaatliche Ebene zu transferieren. Nichts ist natürlicher als die eigene Sippe zu bevorzugen; unsere Abstammung von Affenhorden hat uns weniger zu Egoisten als vielmehr zu Nos-isten gemacht, für die es immer ein Wir und ein Ihr gibt. Und der Erfolg des Westens beruht zum großen Teil darauf, diese Kultur der Sippenwirtschaft, der ungerechtfertigten Bevorzugung von Verwandten und Freunden, in den Griff bekommen zu haben. Nehmen wir nur mal das Beispiel Transplantation: nichts wäre natürlicher, als dass ein Arzt bei der Zuteilung der Spenderorgane im Notfall seine Eltern oder Kinder bevorzugt. Wer von Euch würde, wenn möglich, nicht zuerst sein Kind retten? Es ist eine enorme Vernunftleistung, dies institutionell zu verhindern (und wir sind umso empörter, wenn sich gerade hier, wie kürzlich geschehen, Korruption breitmacht). Und genauso verhält es sich bei vielen anderen Transaktionen zwischen Menschen unterschiedlicher Macht; der Rechtstaat mit seinen Regeln ist m.M. nach die größte Leistung des Westens und ursächlich für seinen Erfolg.

Und hier zeigt sich auch, wie dünn die Firnis der Vernunft ist (um mal das Wort eines bekannten Tribalisten zu verwenden). Nicht nur, dass in weiten Teilen der Welt der Rechtsstaat niemals Fuß fassen konnte, oder kurz nach dem Abzug der bösen Kolonialisten sofort wieder entsorgt wurde, auch wir sind dabei, im Namen des Guten, wie schon im Mittelalter, einem unvernünftigen Tribalismus das Wort zu reden, und nicht mit Argumenten, sondern durch Ausgrenzung und Schlimmeres gegen Andersdenkende vorzugehen. Und es funktioniert. Nicht Vernunft bestimmt unser Handeln, sondern ein ertrunkener Junge hier oder sexuelle Übergriffe dort. Wir haben nicht wirklich einen vernünftigen Plan, sondern hier ein schlechtes Gewissen, dort Ängste, hier einen Shitstorm, dort einen Tsunami, was uns wie einen Haufen Hühner in die eine und dann wieder die andere Richtung laufen lässt.
Wahlen werden dadurch entschieden, wer den Wählern mehr verspricht oder die Lückenpresse hinter sich hat, und niemanden interessiert es, was langfristig sinnvoll ist, weil man bis dahin mit dem Geld der anderen oder aus der Druckerpresse seine Wähler bei der Stange halten kann.
Bitte nicht falsch verstehen: ich bin kein Gegner der Demokratie; alle anderen Regierungsformen sind auch wegen der Gefahr der Vetternwirtschaft noch schlimmer. Im Gegenteil, ich hätte gerne mehr direkte Demokratie; nicht weil ich glaube, dass dann die Entscheidungen besser oder gar vernünftiger wären, sondern weil Entscheidungen und ihre Konsequenzen dann näher beisammen lägen. Man sagt zwar, dass in der Demokratie jedes Volk die Regierung hat, die es verdient, aber in Zeiten, in denen Regina Merkel binnen wenigen Jahren das Land ruinieren kann, ohne zwischendurch einmal das Volk dazu befragen zu müssen, reicht die repräsentative Demokratie nicht mehr aus.

Ich glaube nämlich, dass es nicht die Vernunft ist, die uns die besten Entscheidungen treffen lässt, sondern schlicht und einfach Versuch und Irrtum; Schumpeters kreative Zerstörung. Wir lernen mehr aus Fehlschlägen als durch Nachdenken (obwohl letzteres nicht schadet). Bei vielen Themen gibt es nur wenige Menschen, die kompetente Entscheidungen treffen können, bei manchen gar niemand, aber die Realität zeigt früher oder später immer, was die bessere Wahl war.

Und zwei Konzepte sind ganz entscheidend für diesen Lernerfolg. Zum einen müssen Fehler bestraft werden: je schneller, desto besser. Das gilt für Verbrechen genauso wie für wirtschaftliche Fehlentscheidungen, egal ob Firmen oder einzelne Menschen diese treffen. Rettungsaktionen des Staates, sei es durch überbordende Wohlfahrt, Subventionen oder Bankenrettung sind von Übel. Rettet die Menschen vor dem Verhungern, aber belohnt nicht sie oder die Firmen für Dummheit, Faulheit oder Kriminalität. Es ist schlimm genug, wieviele Staaten sich dank des Geldes anderer Leute ihre Dummheiten (oder dank Ölreichtums ihre Verbrechen) leisten können.

Und zum anderen müssen wir den Schaden, den einzelne Fehler verursachen können, eingrenzen, denn nur so können wir aus ihnen lernen, statt vernichtet zu werden. Und das heißt eben Sozialhilfe ja, aber deutlich weniger als man durch beliebige Arbeit verdienen kann. Bankenrettung nein, aber eine Struktur der Finanzindustrie, die nicht die halbe Weltwirtschaft in den Abgrund reißen kann. Das heißt Dezentralisierung von Entscheidungen, wo immer möglich, damit nur einzelne Regionen leiden, statt ein zentralistisches Monster wie die EU, die europaweit Unfug erzwingen kann.

Ich glaube nicht daran, dass wir immer vernünftig handeln, aber ich weiß, wie lernfähig der Mensch ist, wenn die Realität ihn vor harte Entscheidungen stellt. Und das wird auch in der Flüchtlingskrise passieren, je früher, desto besser für uns.

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