Leuchtet der Westen noch?

Wir sind die Guten. Und das ist nicht ironisch gemeint.
Wir haben den Rechtsstaat, den Sozialstaat, Freiheit, Demokratie und Marktwirtschaft. Niemand muss bei uns hungern oder auch nur in echter Armut leben; dank Fortschritten in Wissenschaft und Technik leben wir im Überfluss und länger als je zuvor. Wir verbrennen keine Hexen mehr und richten auch sonst niemanden mehr hin, außer mit Worten. Dafür sind wir ganz vorne mit dabei, wenn es um Gleichberechtigung und gegen Diskriminierung geht. Denn bei uns sind alle Menschen vor dem Gesetz gleich, unabhängig von Geschlecht, Hautfarbe, Religion oder sexueller Orientierung. Niemand wird aufgrund seiner Zugehörigkeit zu einer bestimmten Gruppe vorverurteilt, sondern es wird immer das Individuum gesehen.

Wir hier im Westen, den man früher die 1. Welt nannte, haben ohne jeden Zweifel die humanste Zivilisation aufgebaut, die es es je gab.

Und dennoch scheint der Westen zunehmend seine Leuchtkraft einzubüßen.

Zwei Gegner sind auszumachen, die mit zunehmen Erfolg unsere Führungsrolle in Frage stellen, indem sie unsere beiden zentralen Schwächen frontal angreifen.

Zum einen verliert unsere Wirtschaft an Dynamik. Immer mehr Regulierung erstickt Innovation. Neuerungen werden vor allem als Gefahr statt als Chance begriffen, Eigenverantwortung durch Gleichmacherei ersetzt. Dem Markt wird misstraut, mehr zentrale Planung gefordert.

Und diese weit offene Flanke nutzen Newcomer wie China und andere aus. Es ist ironisch, dass ein Land unter Führung einer kommunistisches Partei uns zeigt, wie effizient Kapitalismus funktionieren kann, wenn man ihn nicht durch einen überzogenen Wohlfahrtsstaat, die aktuelle Klimareligion oder politische Luftschlösser wie den Euro lähmt. Dass das Land sein planwirtschaftliches Erbe nicht ganz verleugnen kann, gereicht uns leider nicht zum Vorteil, haben wir doch auch längst unsere Flexibilität einer vermeintlichen Stabilität geopfert. Und je mehr wir stagnieren, desto mehr verlieren wir auch wie in einem Teufelskreis den Wettlauf um die weltweit klügsten Köpfe.

Unser zweites Problem ist die Demographie. Wir sterben aus. Geburtenkontrolle und Sozialstaat haben Kinder zu einem Kann, nicht Muss gemacht, und angesichts der Möglichkeiten, die bei uns gerade Frauen für ein selbstbestimmtes Leben jetzt offen stehen, sind immer weniger Menschen bereit, ihre Zeit an Kinder zu verschwenden. Das kann man beklagen, aber wer möchte schon ernsthaft die Bedingungen zurück, die für den früheren Kinderreichtum verantwortlich waren? Es gibt einen fundamentalen Widerspruch zwischen unserer liberalen und kinderreichen Gesellschaften.

Was Gesellschaften mit einem hohen Bevölkerungswachstum auszeichnet, sind nämlich religiöser Fundamentalismus, Tribalismus, Wissenschaftsfeindlichkeit, Unterdrückung der Frau, Intoleranz gegenüber alternativen Lebensentwürfen und hin und wieder ein Bürgerkrieg, den man sich aufgrund der vielen jungen Männer halt auch leisten kann.

Es ist dennoch schwer zu akzeptieren, dass diese Gesellschaften aus evolutionärer Sicht erfolgreicher sind als unsere; dass sich religiöser Fundamentalismus ausbreitet, während der Westen vergreist. Natürlich ist Überbevölkerung auch aus evolutionärer Sicht nicht erstrebenswert, und ich sehe kein Problem darin, wenn unsere Bevölkerung langsam abnähme, stabilisiert durch sinnvoll gesteuerte Einwanderung und unterstützt durch familienpolitische Maßnahmen, obwohl man sich von diesen keine Wunderdinge erwarten darf. Aber wonach es im Moment viel eher aussieht, ist dass uns unkontrollierte Migrationswellen überrollen werden. Weil es rassistisch wäre, Einwanderer aus den oben genannten tribalistischen Kulturen grundsätzlich abzulehnen, und man den Leuten ja leider nicht an der Nasenspitze ansieht, wie liberal oder fundamentalistisch sie sind, wird sich im Laufe der Zeit die Kultur mit den vielen Kindern hier durchsetzen. Auch wenn deren Geburtenrate im Vergleich zu den Heimatländern sinkt, wird sie nicht auf europäische Werte fallen, zumal sich Kinder im Wohlfahrtsstaat finanziell vor allem dann lohnen, wenn man zu wenig qualifiziert für einen lukrativen Beruf ist. Und wer glaubt, dass diese Einwanderer in ihrer Mehrheit schon früher oder später unsere westlichen Werte übernehmen werden, ist grenzenlos naiv; im Gegenteil zeigt sich, dass gerade die Jungen fundamentalistischer sind als ihre Eltern und sich verstärkt in Parallelgesellschaften segregieren.

Wir werden erleben, dass unser Gesellschaftsmodell von immer größeren Teilen, in Großstädten sogar von der Mehrheit der Bevölkerung, nicht mehr akzeptiert wird, und das kann man nicht alleine mit Gesetzen heilen. Dazu kommt von außen mit China eine Macht, die uns schon lange intellektuell, seit einiger Zeit wirtschaftlich und bald auch technologisch das Wasser reichen kann, die uns zuerst im Pazifik, dann weltweit herausfordern wird. Der Westen wird ärmer sein, weniger frei, weniger sicher und irgendwann wird es nicht mehr der demokratische, liberale Westen sein, den wir kennen; die Frage ist nur, ob die neuen Herrscher von innen oder außen kommen.

Natürlich werden sich auch diese neuen Eroberer genauso zivilisieren wie unsere Vorfahren, die einmal das dekadente Rom verwüstet haben, aber sehr wahrscheinlich steht uns zuerst ein langes, dunkles Zeitalter bevor.

Wenn wir diese Entwicklung nicht wollen, müssen wir bereit sind, unsere Kultur moralisch und unsere Interessen und Grenzen militärisch zu verteidigen. Wir dürfen Intoleranz nicht mit Toleranz begegnen und Aggression nicht mit Appeasement. Und vor allem müssen wir Anstrengungen unternehmen, um zurück auf die Spur wirtschaftlichen Erfolges zu finden.

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9 Antworten zu Leuchtet der Westen noch?

  1. Andreas Döding schreibt:

    +1

  2. Werwohlf schreibt:

    Also ich stimme dem Fazit ganz und gar zu. Auch die Betonung der demografischen Entwicklung ist ein enorm wichtiger Punkt, der von der herrschenden Politik in seiner Konsequenz bewusst ignoriert (oder nur mit hohlen Parolen plakativ gestreift) wird. Die bei dir unter „Wirtschaft“ zusammengefassten Entwicklungen sehe ich allerdings in einem größeren Rahmen als Huldigung an eine auf Gleichheits- und Naturideale ausgerichteten Gesellschaft. Da ist die Überregulierung der Wirtschaft nur ein Unterpunkt – hinzu kommen Dinge wie Quotenregelungen, Einebnung von Leistungsunterschieden schon von der Schule an, Verdammung zivilisatorischer Fortschritte, Technikfeindschaft etc.

    Willkommen im Klub der Kulturpessimisten!

    Aber eine Anmerkung habe ich noch:

    Natürlich werden sich auch diese neuen Eroberer genauso zivilisieren wie unsere Vorfahren, die einmal das dekadente Rom verwüstet haben

    Zweifel sind angebracht, denn was nicht unmaßgeblich zur Zivilisierung der damaligen „Barbaren“ beigetragen hat, war eben das Christentum…

    • weltsichtig schreibt:

      Diese grundsätzliche Gegnerschaft zur Moderne, die sich im Westen breitmacht, ist wirklich eine erschreckende Entwicklung. Vielleicht daher das große Verständnis für unsere antimodernen Gegner.
      Ich sehe unsere Zivilisierung aber nicht primär als Ergebnis der Christianisierung. Die wesentlichen Grundlagen für das, was den Westen ausmacht, verdanken wir der Aufklärung, die eine totalitäre Staatskirche in die Schranken wies. Auch wenn natürlich das Christentum bessere Voraussetzungen für die notwendige Trennung von Kirche und Staat bot als aktuell der Islam.

      • Werwohlf schreibt:

        Die wesentlichen Grundlagen für das, was den Westen ausmacht, verdanken wir der Aufklärung, die eine totalitäre Staatskirche in die Schranken wies.

        Du verwechselst Christentum mit den organisierten Strukturen einer Kirche. Zumal der Ausdruck „Staatskirche“ für die Zeit vor der Aufklärung nicht zutrifft. Zwar wollten die weltlichen Herrscher sich immer gerne auch zu Herren des Glaubens aufschwingen, aber gerade die Kirche hat sich in der Regel dagegen gewehrt. Man denke nur an das Schicksal des Heinrich IV.

        Der entscheidende Punkt ist aber, dass die Aufklärung, die ja viel, viel mehr ist als ein Widerstand gegen eine „totalitäre“ (auch dieser Ausdruck ist historisch falsch) Kirche, auf Grundlagen basiert, die von christlichen Gelehrten in den Jahrhundeten zuvor gelegt wurden. Schon im Mittelalter setzte die Entwicklung ein, die wir Fortschritt nennen, und schon dann begann sich das „Abendland“ zivilisatorisch von den anderen Kulturen abzusetzen.

      • weltsichtig schreibt:

        Die organisierte Kirche (Staatskirche passt wirklich nicht) war damals das, was heute der Islamismus ist: eine Lehre für das alltägliche Leben mit totalitärem Anspruch. Und klar gab es große Denker, und trotz seiner teilweise zweifelhaften Einstellungen zähle ich da auch gerade Luther dazu, die Grundlagen der Aufklärung geschaffen haben. Aber ich bleibe dabei: unsere Freiheit haben wir gegen die Kirche errungen.
        Allerdings ist Kirche ohne Staat immer noch Christentum, während Islam ohne Staat, ohne Scharia für die allermeisten islamischen Theologen wohl pure Blasphemie ist. Das zu ändern wird dauern, da sind im Islam enorme Schutzmechanismen eingebaut, die Reformen verhindern. Siehe http://www.citizenwarrior.com/2007/10/terrifying-brilliance-of-islamic.html

      • Werwohlf schreibt:

        Aber ich bleibe dabei: unsere Freiheit haben wir gegen die Kirche errungen.

        Das ist ein auch in Funk und Fernsehen beliebtes Bild, das aber der Komplexität von Gesellschaften und der tatsächlichen Entwicklung nicht auch nur annähernd gerecht wird.

        Ich verstehe sowieso nicht, woher bei manchen diese krasse Überbewertung der Aufklärung kommt. Geistesgeschichtlich gesehen war diese eher Endpunkt einer langen Reihe christlicher Denker (bitte hier nicht ausgerechnet den Fundamentalisten Luther erwähnen, sondern am besten Thomas von Aquin) und gelebter Praxis christlich geprägter Gesellschaften, somit mehr Evolution als Revolution. Die echten gedanklichen Revolutionen, also gerade die, die den Westen als solchen kennzeichnen und von anderen Kulturen unterscheiden, fanden schon viel früher statt, und zwar in einem christlichen Kontext.

  3. n_s_n schreibt:

    Ich kann nur vollumfänglich zustimmen. Auch und gerade bei der beschreibung des Demographischen Problems, welches Sie in meinen Augen ohne pauschalisierend gegen das Individuum zu sein, völlig richtig darstellen.

    Vielen Dank für diesen gelungenen Text und schade, dass er wohl nicht die öffentliche Aufmerksamkeit erfahren wird, die ihm zustünde.

    @ Werwohlf. Etwas verstehe ich jetzt: Was du mit Kulturpessimist meinst. Möglicherweise bin ich auch einer. Aber ich habe noch einen Funken Hoffnung, dass der Verstand irgendwann mehr Raum gewinnt, wenn die Rückzugsräume für die eigenen Illusionen kleiner werden.
    Ich kann das ja ein meinem Statdteil der durch und durch Grün dominiert wird, beobachten. Die Toleranz gegen andere Kulturen ist überhaupt nicht vorhanden, wenn man ihnen nicht ausweichen kann, sondern nur dort, wo sie weit weg sind.

    Herzlich

    nachdenken_schmerzt_nicht

    • Werwohlf schreibt:

      Aber ich habe noch einen Funken Hoffnung, dass der Verstand irgendwann mehr Raum gewinnt, wenn die Rückzugsräume für die eigenen Illusionen kleiner werden.

      Das mag sein, aber dann wird es für ein Gegensteuern längst zu spät sein. Siehe Euro.

      • weltsichtig schreibt:

        Demografische Veränderungen brauchen ihre Zeit, aber kommen halt keineswegs überraschend. Wenn man sich heute die Situation bei Schulkindern ansieht, dann weiß man ziemlich genau, wie es in 20 Jahren beim Durchschnitt der Bevölkerung sein wird, weil die Schulkinder von heute eben in 20 Jahren die Generation der 30-40jährigen sein wird.
        Und ich hab da schon meine Befürchtungen, dass wir dann ein zweigeteiltes Land sein werden.

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