Wer schreit, hat unrecht. Oder auch nicht.

Scheint das nur mir so, oder degenerieren Debatten wirklich immer mehr zu einer Ansammlung von logischen Trugschlüssen? Nach dem schönen Prinzip, dass zwar bereits alles gesagt wurde, aber nicht von jedem, auch von mir noch ein paar Worte zum shitstorm rund um Ronja von Rönne.

Bei der aktuellen Debatte fing es damit an, dass eine Redakteurin der Tagesschau die genannte Autorin in die rechtsextreme Ecke stellte mit der einzigen Begründung, dass irgendeine NPD-Frau deren feminismuskritischen Artikel in der Welt gelobt hätte. Tja, Nazis finden neben Autobahnen auch noch den Mindestlohn und Kapitalismuskritik ganz toll, was grob geschätzt 75% der Deutschen in die rechte Ecke stellt, und meiner unbedeutenden Meinung nach übrigens sehr viel mehr inhaltliche Nähe von nationalen und internationalen Sozialisten aufzeigt als eine individualistische Querdenkerin wie von Rönne jemals haben könnte.

Und wenn ich mal persönlich werden darf: dass eine Tagesschau-Redakteurin nach einem Angriff auf ihre heilige Kuh Netzfeminismus so rot sieht, dass sie offenbar vor keiner Denunziation zurückschreckt, ist schlichtweg erbärmlich. Und dass ich gezwungen werde, diese Frau zu subventionieren, grenzt für mich an Folter.

Nach dieser Attacke sah sich dann ein „Antifa-Pfarrer“ – wenigstens den muss ich nicht mehr finanzieren – genötigt, einen leicht verklausulierten Lynchaufruf abzusetzen („Adel an Laternen“). Dieser Aufruf wiederum wurde dann von einem von mir durchaus geschätzten FAZ-Blogger der Tagesschau-Redakteurin zur Last gelegt, was auch ziemlich daneben ist, denn dafür trägt nicht sie die Verantwortung. Wenn man das anders sieht, ist man sehr schnell bei der Definition von Gedankenverbrechen.

Solche Gewaltandrohungen sind mittlerweile in vielen Debatten gang und gäbe. Einerseits sind diese natürlich bedingungslos zu verurteilen, andererseits bedeuten sie ja umgekehrt nicht, dass der Bedrohte automatisch recht hat. Und genau weil diese Drohungen meistens argumentativ von der Gegenseite ausgeschlachtet werden, kann man manchmal schon den Verdacht haben, dass solche Drohungen als „false flag“-Operation von der Gegenseite lanciert werden. Ich denke da z.B. an eine feministische Videospiel-Kritikerin, die trotz ihrer hanebüchenen Argumentation dadurch zum Liebling der Social Justice Warriors in Publikationen wie Gawker oder Wired aufgestiegen ist.

Noch extremer stellt sich die Sache dar, wenn sogar reale Gewalttaten von Brandstiftung bis hin zum Mord als Argumentationshilfe ausgeschlachtet werden, sogar schon lange bevor feststeht, was wirklich dahintersteckt, ob Versicherungsbetrug oder ein Streit unter Drogenhändlern. Der richtige Weg mit Asyl oder Einwanderung umzugehen sollte nicht durch Gewalttäter definiert werden, weder in die eine noch in die andere Richtung.

Genauso unredlich ist es, die aktuellen Enthüllungen zu pädokriminellen Verstrickungen von Grünen und der Schwulenbewegung vor 30 Jahren jetzt zu nutzen, um grüne Ideologie, Gendertheorie oder Homosexualität generell in Verruf zu bringen. Es gibt genügend gute Argumente gegen den Gender-Aberglauben oder die Technikfeindlichkeit der Grünen, ohne aus alten Fehlern unhaltbare Zusammenhänge konstruieren zu müssen. Und dass die Intoleranz der Schwulenverbände und mancher Politiker anfängt die katholische Kirche in den Schatten zu stellen, ändert nicht das Geringste daran, dass Homosexuelle ein Recht darauf haben, nicht diskriminiert und nicht mit Pädophilen in einen Topf geworfen zu werden.

Aber es ist halt sehr viel leichter, stellvertretend für die Gegenseite ein paar Spinner zu finden, die man vorführen kann, sei es auf einem AfD-Parteitag heute oder vor 30 Jahren bei den Grünen, als sich mit den echten Argumenten des Gegners beschäftigen zu müssen.

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