Vorurteile

Laut Wikipedia ist ein Vorurteil “eine meist wenig reflektierte Meinung – ohne verstandesgemäße Würdigung aller relevanten Eigenschaften eines Sachverhaltes oder einer Person.”

Ein Vorurteil ist also ein Urteil, was auf unzureichenden Informationen beruht. Der objektive Nachteil eines Vorurteils ist daher die Gefahr, dass es ein Fehlurteil ist, und wir aufgrund dieses Urteils falsche Entscheidungen treffen. Vorurteile wären aber schon lange ausgestorben, wenn sie nicht auch Vorteile hätten.

Vorteil Vorurteil

Zum einen sind Vorurteile schnelle Urteile. Ein Notarzt, der zu einem Bewusstlosen gerufen wird, ordnet nicht zuerst Labor, EKG und MRT an, sondern ergreift Sofortmaßnahmen anhand einiger offensichtlicher Symptome und bekannter Wahrscheinlichkeiten. Wenn eine Horde Bewaffneter auf das Dorf zustürmt, dann bringt man sich in Sicherheit oder bereitet sich auf einen Kampf vor, auch wenn die Barbaren vielleicht nur nach dem Weg fragen wollen.

Zum anderen ist es oft schlicht nicht möglich wirklich alle relevanten Fakten zu berücksichtigen, weil man nicht alle kennt, oder ihre komplexen Interaktionen nicht überblicken kann. Gewissheiten gibt es außerhalb der Mathematik eher selten. Das führt dazu, dass z.B. komplexe ökonomische Zusammenhänge zu einem Satz wie “Scheitert der Euro, dann scheitert Europa” zusammengefasst und Rettungsprogramme mit fragwürdigem Nutzen aufgelegt werden. Besser ist da schon das Verfahren aus den bekannten Fakten ein Modell der Wirklichkeit zu konstruieren, daraus dann Prognosen abzuleiten und Handlungsempfehlungen zu generieren. Dass auch dabei mehr oder weniger Unfug produziert werden kann, sieht man an den jährlichen Prognosen der Wirtschaftsweisen oder der Treffsicherheit von Klimamodellen.

Im Grunde basieren also alle unsere Entscheidungen auf Vorurteilen. Aber je höher die Wahrscheinlichkeit, dass ein Urteil richtig ist, desto besser die getroffenen Entscheidungen und umso mehr trägt das Vorurteil zum Überleben bei. So sind z.B. viele Insekten oder Amphibien mit grellen, leuchtenden Farben giftig oder wehrhaft und eignen sich nicht als Fressbeute. Die Farbe zeigt an: ich habe es nicht nötig mich zu verstecken, weil Du mich eh nicht fressen kannst. Dementsprechend halten sich die meisten insektenfressenden Vögel von gelb-schwarzen Insekten wie Wespen oder Hornissen fern. Und obwohl es auch einige wohlschmeckende Insekten mit Warnfarben gibt, ist es für den Vogel besser und sicherer auch diese zu ignorieren und andere Beute zu jagen. Und genau das ist der Grund, weswegen sich auch manche harmlosen Insekten Warnfarben zugelegt haben: sie nutzen das Vorurteil des Vogels zu ihrem Vorteil.

Opfer von Vorurteilen

Es liegt in der Natur des Vorurteils, dass es in manchen Fällen ein Fehlurteil ist. Viele Vorurteile sind sogar in der Mehrzahl der Fälle falsch. Das ist nicht weiter schlimm, wenn es etwa um Herdplatten geht. Da rechtfertigt es die eine heiße Herdplatte, dass man Kinder grundsätzlich vor allen Herdplatten warnt. Anders ist es, wenn Menschen Opfer von Vorurteilen werden.

Vorurteile gegenüber Menschen basieren darauf, dass nicht der einzelne Mensch individuell beurteilt wird, sondern man ihm bestimmte Eigenschaften aufgrund einer Gruppenzugehörigkeit zuschreibt. Es gibt natürlich völlig haltlose Vorurteile, wie der Glaube, alte Frauen mit Warzen auf der Nase stünden mit dem Teufel im Bunde, und viele weitere. Aber auch Zuschreibungen, die für die Gruppe an sich stimmen mögen, sind auf das Individuum bezogen ein Vorurteil.

Beispielsweise werden Frauen erheblich öfter das Opfer häuslicher Gewalt als Männer. Dennoch muss im konkreten Einzelfall natürlich untersucht werden, was wirklich passiert ist; es gibt auch gewalttätige Ehefrauen. Noch mehr daneben läge man mit dem Umkehrschluss: obwohl Männer gewalttätiger sind als Frauen, ist die weit überwiegende Anzahl von Männern eben nicht gewalttätig.

Wenn also die Mehrzahl der Männer nicht gewalttätig ist und es auch gewalttätige Frauen gibt, ist es dann ein Vorurteil, ein Zeichen von bösartiger Diskriminierung, Programme gegen häusliche Gewalt vor allem mit Männern als Zielgruppe zu konzipieren, Frauenhäuser, aber keine Männerhäuser anzubieten? Ich finde nicht. Politische Entscheidungen für die Gesamtheit wären schlicht nicht mehr möglich, wenn wir jeden Einzelfall umfassend berücksichtigen müssten. Solange Männer nicht gezwungen werden, vorbeugend an einem Anti-Aggressions-Training teilzunehmen, werden ihre Rechte nicht unzumutbar verletzt.

Und das gilt meiner Meinung nach auch, wenn z.B. ein Video, mit dem die Berliner Polizei vor Taschendieben warnt, konkrete Fälle zeigt, in denen Ausländer die Täter sind. Schließlich sind tatsächlich 75% der Tatverdächtigen Ausländer. Auch wenn wir nicht wirklich alle Tatverdächtigen kennen, weil die meisten gar nicht erwischt werden, reicht eine Stichprobe von wie in diesem Fall 4%, um genau wie z.B. bei Wahlumfragen statistisch fundiert eine Aussage über die Gesamtheit der Tatverdächtigen machen zu können.

Umgekehrt sind aber natürlich die Mehrzahl der Ausländer keine Taschendiebe und es ist nicht gerechtfertigt, diese unter Generalverdacht zu stellen und beispielsweise jeden Ausländer in Einkaufszentren zu kontrollieren. Andere Maßnahmen dagegen sind nicht so einfach zu bewerten. Wäre es z.B. gerechtfertigt wieder Visapflicht und Grenzkontrollen einzuführen, wenn sich herausstellt, dass aus bestimmten Ländern ein Großteil der Einbrecherbanden einreist? Auch wenn davon viele, ja sogar eine Mehrzahl an Unschuldigen betroffen wären? Rechtfertigt der Schutz der Bürger es, Menschen aus bestimmten Ländern pauschal die Einreise zu erschweren? Wenn Statistiken aussagen, dass Muslime sehr anfällig für religiösen Fundamentalismus sind und sehr viel mehr Integrationsprobleme als andere Zuwanderer verursachen, darf man dafür dann alle Muslime in Sippenhaft nehmen und ihnen die Einwanderung verweigern?

Gesellschaftliches Handeln und Einzelfallgerechtigkeit

Es ist zugegeben nicht leicht, hier die richtige Balance zu finden. Konkrete Menschen werden zu Opfern gruppenbezogener Vorurteile, wenn man sie lediglich als Mitglied einer statistischen Menge sieht. Genauso falsch ist es aber aus Angst vor Diskriminierung, problematisches Verhalten zu ignorieren, weil man hofft, dass bei einer sehr oberflächlichen Betrachtung die Problembären in der Masse verschwinden. Wir gehen schließlich sehr offensiv gegen gewalttätige Ehemänner vor, und trotzdem ist dadurch geschürter Männerhass kein wirkliches gesellschaftliches Problem. Im Gegenteil fördert diese Ignoranz Vorurteile.

Ebenso schädlich ist der Versuch erlittene Ungerechtigkeiten durch “positive Diskriminierung” wiedergutzumachen. Beispielsweise ist es genauso wenig sinnvoll Frauen als “das schwache Geschlecht” grundsätzlich von körperlich anspruchsvollen Tätigkeiten fernzuhalten wie umgekehrt die Anforderungen geschlechtsspezifisch unterschiedlich zu definieren. Frauen, die die Kriterien erfüllen, sollen selbstverständlich als Polizistin, Soldatin oder Feuerwehrfrau arbeiten können, aber die Anforderungen zu senken, gefährdet im Einsatz ihr Leben und das ihrer Kollegen.

Der beste Weg, um mit vermeintlichen oder tatsächlichen Vorurteilen umzugehen, ist es zuerst zu untersuchen, wie die Situation sich bei genauerer Betrachtung wirklich darstellt, die Zahlen und Fakten auf den Tisch zu legen, zwar immer den Unterschied zwischen statistischen Wahrscheinlichkeiten und individuellem Verhalten zu betonen, aber problematische Gruppen nicht zu ignorieren. Ressentiments oder sogar Hass sind eben nicht nur in Unwissen begründet, sondern auch das Ergebnis von erfahrenem oder befürchtetem Unrecht; und dann sind Vorbehalte auch begründet.

Wenn die Menschen aber sicher sind, dass der Rechtsstaat Probleme offen kommuniziert, dagegen vorgeht und die wirklich schlimmen Finger aus dem Verkehr zieht, werden sie auch bereit sein, Vorurteile zu überdenken und erkennen, wenn es interessierten Gruppen nur darum geht, mit Sündenböcken von anderen Problemen abzulenken.

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7 Antworten zu Vorurteile

  1. Rayson schreibt:

    Sehr nett!

    Diesmal bist du mir zuvor gekommen ;-), denn einen ähnlichen Beitrag wollte ich auch noch verfassen. Der Titel („Lob des Vorurteils“) hängt bei mir schon Wochen als Entwurf im Blog. Meine Kurzfassung: Vourteile sind nur dann negativ zu bewerten, wenn man sich gegen ihre Widerlegung wehrt.

    • weltsichtig schreibt:

      Ist ja witzig! Tja, ‚Great minds think alike’… 😉 Hoffe, Du lässt Dich deswegen nicht abhalten, zumal Du da mit der Erkenntnisresistenz einen sehr wichtigen Aspekt bösartiger Vorurteile betonst.
      Und außerdem sind Sequels eh in…

  2. Martin schreibt:

    Richtig. Kritisch ist nicht das Vorurteil, sondern allenfalls die Verhärtung eines Vorurteils, d.h. wenn sich das Vorurteil als konstantes Verhaltensmuster, entgegen einer Widerlegung, festsetzt.

    Noch eine Ergänzung: Jeder Mensch muß und darf Vorurteile treffen. Es ist schlicht unbillig, eine komplette Abwägung jedes Einzelfalls zu erwarten, selbst wenn immer alle Fakten zur Verfügung stünden. Jede dieser Abwägungen kann beliebig komplex werden und schon bei relativ einfachen Sachverhalten eine enorme Menge an Zeit und (geistigen) Ressourcen fressen. Ganz abgesehen davon, das diese Zeit nicht immer zur Verfügung steht: diese Zeit und Denkleistung stellen ebenfalls Werte dar, die gegenüber dem potentiellen Nachteil des Vorurteils gegen das Subjekt des „Vorurteils“ aufgewogen werden müssten….

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