Das Ende der Imperien

Wenn es etwas gibt, was uns vom 20. Jahrhundert außer den Massenmorden in Erinnerung bleiben wird, dann das Ende der großen Imperien, die sich wie das britische Empire erst nach Jahrhunderten oder wie das Sowjetreich schon knapp nach einem halben Jahrhundert auflösten. Die deutschen Versuche als europäische Großmacht zu einem Imperium zu gelangen scheiterten sogar schon im Ansatz, aber dafür umso blutiger.

Es ist von daher kein Wunder, dass als Konsequenz dieses nationalen Größenwahns bei uns nationalistische Ideen, ja sogar der Nationalstaat an sich  in Verruf geraten sind. Wer nach Hitler noch so unbefangen wie Franzosen oder Amerikaner seinen Nationalfeiertag begehen kann, der hat entweder aus der Geschichte nichts gelernt, ist sehr gut im Verdrängen oder mit der Gnade einer sehr, sehr späten Geburt gesegnet.

Paneuropäischer Nationalismus

Der Ausweg für viele scheint es da zu sein, aufkeimende Gefühle von Patriotismus auf die EU zu verschieben. Das kann ich sogar zum Teil nachvollziehen; dass wir wieder ein geachtetes Mitglied der Völkergemeinschaft werden durften, ist alles andere als selbstverständlich und sollte uns dankbar machen gegenüber unseren Nachbarn, auch wenn dabei natürlich zu Beginn des Kalten Kriegs geostrategische Überlegungen eine Rolle spielten. Dennoch muss man gerade den USA zugute halten, dass sie nach dem zweiten Weltkrieg vernünftig und weit weniger rachsüchtig agierten als etwa die Franzosen nach dem ersten Weltkrieg. Und anders als nach Weimar entstand daraus dann auch eine stabile Demokratie, die loyal im Westen eingebunden von jedem nationalen Alleingang Abstand nahm. Und dass jetzt sogar der ehemalige polnische Präsident Walesa Deutschland und Polen vereinigen will, ist vielleicht in naher Zukunft nicht realistisch, aber zeigt ein neu gewonnenes Vertrauen in uns, was wirklich ein Grund zur Freude ist.

Was den Freunden von “Immer mehr Europa” allerdings entgeht, ist dass auch verschobener Nationalismus Nationalismus bleibt, und die Argumente dieser Europafreunde sich oftmals genauso chauvinistisch und imperialistisch anhören wie die Reden der Rechtsextremen und Rechtspopulisten, die sie sonst so verachten, inklusive dem dort obligatorischen Antiamerikanismus. Nur wird heute eben statt von Blut und Boden von wirtschaftlicher Großmacht geträumt.

Multinationale Staatenbünde

Darüberhinaus stellt sich die Frage, ob eine weitere Zentralisierung der EU wirklich gut tut. Nicht nur gibt es viele Argumente dafür, dass das europäische Erfolgsgeheimnis seine Vielfalt ist, die Protagonisten übersehen auch die Gefahr, dass sie mit einem “Europäischen Bundesstaat” in Wirklichkeit nur ein weiteres zentralistisches, mäßig demokratisches Imperium errichten, was nicht lange Bestand haben wird.

Im letzten Jahrhundert sind vor allem multinationale, zentralistisch geführte Staaten zusammengebrochen, neben den Kolonialreichen eben auch die Sowjetunion, in blutigen Kriegen auch Österreich-Ungarn, Jugoslawien und Äthiopien, während als einzige Weltmacht sich eben ein demokratisch regierter Nationalstaat, die USA, behaupten konnte. Dem Einwandererland USA ist es gelungen, einen Bürgerkrieg zu überwinden und – ex pluribus unum – im Schmelztiegel eine Nation zu formen. Nebenbei bemerkt, eine Errungenschaft, die sie nach meiner Meinung im Moment mit der Betonung von ethnischen Gruppen und deren Sonderrechten gefährden. Vor allem die Bildung einer spanisch sprechenden Parallelgesellschaft im Süden scheint mir auf mittlere Sicht die Gefahr eines neuen Nord-Süd-Konflikts zu bergen.

Es gibt natürlich auch Beispiele gut funktionierender multiethnischer, mehrsprachiger Länder, wie etwa die Schweiz, die mit sehr viel Föderalismus und direkter Demokratie erfolgreich ist, aber sehr viel häufiger sind im Moment schlecht funktionierende Konglomerate wie Belgien, oder uneingeschränkte Katastrophen, wie die aus dem osmanischen Imperium zusammengepuzzelten Nachfolgestaaten Irak und Syrien, die sich gerade in ethnisch-religiösen Bürgerkriegen zerfleischen.

Vom Imperium zum Nationalstaat zum ?

Ich denke, dass nach den nationalen Bewegungen des 19. Jahrhunderts kein Weg mehr zurückführt zu erfolgreichen, multinationalen Imperien, wie sie in der Antike noch die Regel waren. Wir sehen ja jetzt schon, welcher Hass wieder zwischen einst guten Nachbarn aufkommt, wenn durch zu viel Zentralismus, Abhängigkeiten, Verpflichtungen Gegensätze aufeinanderprallen, die nicht mehr mit ein paar weiteren Milliarden Euro übertüncht werden können.

Genauso wird sicher eines Tages die Idee eines Nationalstaates überholt sein, aber so weit sind wir halt heute noch nicht. Ich würde mir wünschen, dass die Zukunft Europas aus einem Staatenbund mit einer Vielzahl von unabhängigen Regionen mit unterschiedlichen, konkurrierenden politischen Systemen besteht, wo sich dann jeder Bürger das ihm genehme System aussuchen kann, und wo die erfolgreichen Regionen zur Nachahmung anregen, statt durch Umverteilung bestraft zu werden. Einheitlich regeln müsste man nur Dinge wie Freizügigkeit, Handel, Verteidigung und eine zentrale Verkehrssprache, alles weitere wäre bilateralen Verträgen vorbehalten, etwa zwischen der “Neuen Hanse” und dem “Alpenbund”. Auch in internationalen Konflikten könnte so ein Bund durchaus Handlungsfähigkeit beweisen, denn neben einem reinen Verteidigungsbündnis wären ja auch für humanitäre Interventionen multilaterale Zusammenschlüsse als “Koalition der Willigen” denkbar und allemal besser als der heutige UN-Diktatorenstadl.

Aber bis es soweit ist, scheint mir das Zusammengehörigkeitsgefühl, dass sich derzeit eben am besten in Nationalstaaten verwirklicht, unverzichtbar zu sein, um die jedem Staat immanenten Verteilungskonflikte friedlich zu lösen. Im Augenblick ist es daher völlig unangebracht Europa auf Kosten der nationalstaatlichen Eigenständigkeit weiter zu zentralisieren, weil das die Konflikte noch verschärfen wird. Umgekehrt wäre es sogar eine Überlegung wert, von ethnischen oder religiösen Konflikten zerrissene Staaten wie den Irak oder Syrien eben entlang dieser Grenzen zu teilen.

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