Die Evolution der Moral

Ein Produkt der Evolution

Ab und zu schaue ich mir ganz gerne Krachbumm-Filme an – liegt vermutlich an meinem Mangel an critical cisgenderness – und so verirrte ich mich in “Man Of Steel”. Ich stellte bald fest, dass meine übliche Methode den schlimmsten hirnlosen Actionschrott auszufiltern – nämlich darauf zu achten, dass wenigstens ein paar Frauen den Film annehmbar finden – versagt hatte, was vermutlich an Henry Cavills textilreduziertem Auftritt lag. “Man of Steel” kam jedenfalls schon ziemlich nahe an die Actionfilm-Singularität heran: einen Film, der von Anfang bis Ende aus einer einzigen, riesigen Explosion besteht.

Leider wurde dann ab und zu doch geredet und irgendwann meinte dann der Oberbösewicht, General Zod, er wäre dem Mann aus Stahl (und ohne Hemd) weit überlegen, weil dieser unter dem Einfluss der Menschen verweichlicht wäre, während er, Zod, als reines Produkt der Evolution keine Moral kennen würde.

Man ist ja seit langem gewohnt, dass Drehbuchautoren oft vom Tuten und Blasen keine Ahnung haben, und dass sie vom Feuilleton umso mehr gelobt werden, je weniger ihre Ergüsse mit der Wirklichkeit zu tun haben, siehe “Tatort” oder irgendeine andere “sozialkritische” Kriminalserie.

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Aber während es immer den einen oder anderen Deppen gibt, der Fernsehen mit der Wirklichkeit verwechselt, ist man doch erschüttert, wenn einem in den sogenannten Qualitätsmedien der gleiche Unfug populärwissenschaftlich verbrämt präsentiert wird.

Ein Produkt der Devolution

Konkret hat das jetzt der Politologe Yascha Mounk in der Zeit geschafft, wo er in einem Artikel, der treffenderweise mit “Ökonomie | Wirtschaftsordnung | Altruismus | Erderwärmung | Evolution” verschlagwortet ist, so ziemlich jedes Vorurteil bestätigt, das ich über Linke im Allgemeinen und Politologen im Speziellen habe:

“Die Welt ist voller Egoisten – denn Egoismus zahlt sich aus. Das haben uns in den letzten Jahrzehnten zwei einflussreiche Forschungsrichtungen lehren wollen. Biologen behaupteten lange, das egoistische Gen setze sich in der Evolution durch.”

Die zwei Forschungsrichtungen sind – Eingeweihte ahnen es vermutlich schon – die Biologen (“Sozialdarwinisten”) und die Ökonomen (“Neoliberale”). Dass Linke Bücher grundsätzlich kritisieren, ohne sie gelesen zu haben, weiß man ja spätestens sei Sarrazin (und ist, nachdem sich auch die Bundeskanzlerin dazu bekennt, unter Politikern wohl als “state of the art” anzusehen), aber wegen des Titels zu glauben, in Richard Dawkins 35 Jahre altem Werk “The selfish gene” gehe es darum, dass Gene und Evolution egoistische Verhaltensweisen bevorzugen, ist an Peinlichkeit kaum zu übertreffen. Schon die zwei Minuten Lektüre des zugehörigen Artikels in der Wikipedia waren ihm wohl zu viel.

Viel schlimmer noch als diese Peinlichkeit ist allerdings, was folgt. Er fasst eine Arbeit des sozialwissenschaftlichen Instituts der ETH Zürich, bei der eine Computersimulation zum iterativen Gefangenendilemma zeigt, dass Kooperation vorteilhaft ist, wie folgt zusammen:

“Das Ergebnis dieser Studie stimmt optimistisch: Die genetischen Grundlagen für den Altruismus könnten trotz evolutionären Drucks vererbt werden.”

Abgesehen davon, dass “genetische Grundlagen” nicht trotz, sondern durch den Selektionsdruck gefiltert vererbt werden, setzt er mal eben so kooperatives Verhalten mit Altruismus, also “Selbstlosigkeit”, gleich.

Nichts könnte weiter von der Wahrheit entfernt sein.

Ein Produkt von Copy & Paste

Man muss ihm zugute halten, dass die Autoren der Studie auch ziemlich schwammigen Soziologenjargon benutzen, um dem Feindbild homo oeconomicus den homo socialis entgegenzustellen. Beiden hätte es jedenfalls gut getan, sich näher mit dem sogar in der Literaturliste erwähnten Werk von Robert Axelrod “Die Evolution der Kooperation” zu beschäftigen, der bereits vor 30 Jahren eine mehr oder weniger identische Computersimulation zu diesem Thema durchgeführt hat.

Ich bin damals über Douglas Hofstadters Kolumne im Scientific American auf diese Arbeit aufmerksam geworden. Ironischerweise hat sogar Dawkins die Arbeit in der Überarbeitung seines Werk über die bösen, bösen egoistischen Gene erwähnt.

Ich kann nur jedem empfehlen, sich aus einer der verlinkten Quellen über Axelrods Versuche zu informieren. Kurz zusammengefasst lautet die Erkenntnis daraus, dass bei sozialen Interaktionen, vor die Wahl gestellt, ehrlich zu sein oder zu betrügen, langfristig die erfolgreichste Strategie “Wie Du mir, so ich Dir” ist. Langfristig erfolgreich ist also weder der Versuch sein Gegenüber (konkret: seinen Handelspartner) permanent zu betrügen, noch sich ohne Gegenwehr dauernd über’s Ohr hauen zu lassen.

“The winner is” also weder der Betrüger noch der Altruist, der gerne auch mal die andere Backe hinhält. Erfolgreich ist Kooperation auf Gegenseitigkeit. So gesehen ist das “Auge um Auge, Zahn um Zahn” des Alten Testaments der Bergpredigt haushoch überlegen. Und genau deswegen hat sich diese Form von Kooperation nicht gegen evolutionären Druck, sondern durch den evolutionären Druck durchgesetzt.

Und darum ist auch die Marktwirtschaft als kooperatives Handelssystem auf Gegenseitigkeit unendlich viel erfolgreicher als das kommunistische Prinzip “Jeder nach seinen Möglichkeiten, jedem nach seinen Ansprüchen”, weil dieses die Gutmenschen, die Altruisten, wehrlos den Betrügern ausliefert.

Unsere Moral ist ein Produkt der Evolution. So zu tun, als gäbe es einen  Gegensatz zwischen unserer Menschlichkeit, unserer “Humanität”, und unseren Genen ist grober Unfug. Aber ganz offensichtlich, wenn ein Linker die Chance sieht, gleichzeitig den Naturwissenschaften, dem “Sozialdarwinismus” und dem “Neoliberalismus” mit seiner Ausgeburt homo oeconomicus eins auszuwischen, dann setzt das Denken aus, die Pawlow’schen Reflexe übernehmen und unsere Qualitätsmedien veröffentlichen den größten Mist, solange dieser auf ihrer ideologischen Linie liegt.

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2 Antworten zu Die Evolution der Moral

  1. alphachamber schreibt:

    Hallo, endlich mal ein Artikel mit Qualität und Inhalt und rational argumentiert. Ich bin noch nicht sicher, ob wir in allem übereinstimmen, aber das ist nicht wichtig. Wichtig ist ein intelligenter und respektvoller Diskurs, den man hier vermuten kann. Werde Ihrem Blog ab jetzt folgen.
    Ich denke, Sie interessiert vielleicht dieser Link:
    http://liberalerfaschismus.wordpress.com/2013/08/07/produktivitat-und-stolz/
    Grüße.

  2. Pingback: Moral in der Politik | Meine Weltsicht

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